Was macht ein Judowurf zu einem Judowurf?

Kennst du das? Du arbeitest dich tief in eine Thematik ein und gelangst an den Punkt, an dem du auf Widersprüche in dem was Experten, Lehrer oder Literatur sagen stößt? So erging es mir, als ich mich in meinem Judo und Aikido Training fragte, was eine Technik zur Technik macht und was darin im Ursprung vermittelt werden sollte. Was war und ist die Essence? Auf meine Fragen bekam ich aus Literatur und von Trainern zum Teil im Widerspruch stehende Antworten. Das ist der Punkt, an dem du dich am besten selbst auf machst, um zu untersuchen, was eine Technik für Dich ist und wie sie mit wenig Aufwand effektiv funktioniert. Daraus entstand u.a. der folgende Aufsatz, den ich im Februar 2009 verfasste. Die Essence gilt nicht nur für ein Judowurf, sondern du kannst sie auf alle Bereiche deines Handelns übertragen.

Was macht ein Judowurf zu einem Judowurf?

© 02/2009 – Markus Herberholt

Judo ist „Der sanfte Weg“. Kuzushi, also das Gleichgewicht brechen, sollte somit ebenfalls ohne unnötige Kraftaufwendung sein; soviel wie gerade nötig und so wenig wie möglich – nahezu aufwands- und mühelos. Wie ist das jedoch möglich? Im Uchi-Komi, eine Form des Wurftrainings, in dem der Wurf angesetzt jedoch nicht ausgeführt wird, werden besonders zwei der drei Wurfphasen gelehrt; Kuzushi und Tsukuri. Wie aber sieht es in dieser Trainingsmethode mit der Mühelosigkeit aus? Aus meiner Erfahrung im Training und dem Beobachten anderer im Training kann ich hier nichts, was auf Mühelosigkeit zurückschließen lässt erkennen. Nicht einmal etwas von „sanft“ oder „soviel wie gerade nötig“. In der Regel sehe ich eine impulsive Aktion, ein vermeintlich plötzliches ziehen oder drücken als Kuzushi, eingeleitet durch extremen Kraftaufwand in einer Extremität, anspannen des gesamten Körpers, dann Tsukuri, dem Hereingehen in den Wurf. In vielen Fällen ist die vorherige Phase des Kuzushi gar nicht wirklich eingetreten, die unnötig aufgewendete Kraft ist einfach verpufft und Tori geht trotzdem in die gefährliche Phase des Tsukuri über, in der Tori ohne Kuzushi des Partners schnell gekontert werden kann. Es gibt aus meiner Sichtweise mehrere Gründe, die dazu führen.

  • Zum Einen ist Tori nicht bei der Technik im „Hier und Jetzt“, er ist gedanklich bereits in der nächsten Bewegung, die er ausführen wird, anstatt bei der Bewegung die er genau „Jetzt“ in diesem Augenblick ausführt. Das hat eine viel größere Auswirkung als du es dir vorstellst. Der Wurf, und keine einzelne Phase davon, darf zu einem Konzept im Verstand werden. Wenn dies der Fall ist, ist Tori nicht mehr in der Lage zu fühlen und in Echtzeit zu reagieren, er lässt sein Konzept ablaufen, ist immer bereits gedanklich in der Bewegung die kommen wird, nicht in der Bewegung die gerade ist. Ändert sich genau in dieser Bewegung im „Jetzt“ etwas, nimmt Tori es nicht mehr wahr und ist völlig verwundert, wenn er selbst ungewollt auf der Matte liegt.
  • Der Gedanke „Gewinnen“ zu müssen. Damit beschränken wir uns in unseren Möglichkeiten, wir werden angespannt. Darauf näher einzugehen ist komplex und würde uns tief in die Funktionsweise des Verstandes führen, das möchte ich an dieser Stelle vermeiden. Ein Beispiel jedoch dazu. Stelle dir eine Situation vor, in der du um jeden Preis gewinnen willst. Nimm dir ein paar Minuten und um dir die Situation lebhaft in Gedanken aufzubauen und auszuschmücken. Durchlebe die Situation für einen Augenblick. Es reicht nicht den Text zu lesen, um das gesagte zu verstehen und vor allem zu „erleben“, dafür  muss die Übung gemacht werden!Stelle dir zum Beispiel vor, wie du eine neue Bestzeit für eine bestimmte Strecke laufen willst. Nimm die Anspannung deines Körpers wahr. Vor und während der Startphase sowie im Laufen selbst. Nimm wahr wie du deine zu laufende Zeit mental betrachtest und bemerke, wie sehr dich diese Zielsetzung beeinflusst.  Du kannst auch ein Randori, ein Wettkampf oder was immer du dir lebhaft vorstellen kannst als Situation nehmen. Je tiefer und intensiver du dir die Situation vorstellst, desto klarer werden dir die Auswirkungen auf deine Physiologie und mentale Verfassung. Nimm dir die Zeit dafür…Wie hat dein Körper reagiert? Wie war die Anspannung? Wie hat sich der Puls verhalten? Stelle dir die gleiche Situation vor. Sehe sie diesmal allerdings von außen, so als wärst du ein außenstehender Betrachter, entferne dich immer weiter mit dem Blickwinkel und achte auf deinen inneren Zustand. Erkennst du Unterschiede? Die vorgestellte Situation, die Handlung darin ist exakt gleich geblieben! Was sagt dir das?
  • Bewusstes Spüren und Fühlen. Nicht nur uns selbst, was in der Regel nicht der Fall ist, sondern auch noch den Partner. Wie aber soll ich den Partner fühlen oder noch besser in ihn herein fühlen, wenn ich mich selbst nicht spüre? Ein Punkt an dem der Großteil widerspricht. „Natürlich spüre ich mich und meinen Körper“, denken(!) die meisten. Aus eigener Erfahrung und insbesondere aus der Beobachtung anderer im Training – und das nicht nur im Judo – muss ich widersprechen. Wir glauben uns zu spüren, jedoch bleibt uns soviel verborgen und unbewusst, weil es immer da ist! Wenn wir uns des Unbewussten bewusst werden entstehen immer mehr „Aha“-Effekte und Körpersensationen, die du vorher nicht für möglich gehalten hast. In diesem Zustand kannst du anfangen den Partner zu spüren, in ihn hinein zu fühlen. Leichter Kontakt reicht aus um sein Gleichgewicht zu fühlen. Deine Muskeln und Gelenke müssen offen und locker sein um in diesen Zustand zu kommen.
  • Wir bekommen es nicht anders beigebracht. Das was die Mehrheit macht, wird schon richtig sein. Betrachten wir uns allerdings die Geschichte, so erkennen wir, das Ausreißer, Querdenker, Menschen Abseits des Allgemeindenkens existenzielle Veränderung, zum Teil für die gesamten Menschheit, hervorbrachten. Menschen wie zum Beispiel Sokrates, Gallileo, Da Vinci, Newton, Goethe, Einstein, Tesla, usw. Was haben diese Menschen gemacht? Was hat sie von anderen ihrer Zeit unterschieden? Sie alle haben sich auf sich selbst und ihre Beobachtungen und Erfahrungen verlassen. Das kann ein jeder tun, offen bleiben und das Offensichtliche hinterfragen, „was ist etwas für mich“ und nicht „was wollen andere was es für mich sein soll“. Im Sinne der eigentlich gestellten Frage, was macht ein Judowurf zum Judowurf? – Finde deine eigene Antwort! Erlebe deine Antwort! Wenn dein Wurf immer leichter und müheloser wird bist du auf dem richtigen Weg. Nimm dir die Freiheit selbst zu experimentieren und zu forschen.

Mehr als eine Frage von Definition

Ein Judowurf, Nage-Waza, besteht aus drei Phasen. Kuzushi (Gleichgewicht brechen), Tsukuri (Hineingehen) und Kake (Ausführung). Das ist erstmal die Grundvoraussetzung zu einem Wurf zu kommen. Was für Wurfgruppen gibt es? Kodokan Judo unterscheidet in vier Gruppen, Te-Waza (Handwurf), Koshi-Waza (Hüftwurf), Ashi-Waza (Fußwurf) und Sutemi-Waza (Selbstaufgabewurf). Sutemi-Waza wird nochmals unterteilt in Ma-Sutemi-Waza, dem Fallen über den eigenen Rücken in gerader Rückenlage, und dem Yoko-Sutemi-Waza, der eigenen seitlichen Rückenlage. So können wir alle 40 Würfe der Gokyo in diese Gruppen katalogisieren.

Das zu wissen hilft uns allerdings noch nicht in der Ausführung. Wir können uns damit über Stunden mit anderen Judoka unterhalten,  diskutieren und so demonstrieren wieviel theoretisches Wissen wir haben. Wenn es jedoch um das Zeigen geht müssen wir passen. Ich habe leider die Erfahrung auf Lehrgängen machen müssen, dass oftmals zu viel vom Referenten theoretisiert wird, insbesondere auf Kata-Lehrgängen. An jeder Technik wird theoretisiert und an der Ausführung bemängelt. Gesagt was gemacht werden muss – dabei blieb es. Es wurde nicht gezeigt. Zeigen und am eigenem Körper spüren sagt oftmals viel mehr als 1000 Worte.

Um einen Wurf weiter zu verstehen, können wir anfangen ihn in physikalische Kräfte und Vektoren aufzuteilen, nach Hebelgesetzen untersuchen. Vom Prinzip her kein schlechter Ansatz und auch hier fehlt jegliche Praxis. Also sollten wir Anfangen mehr Aufmerksamkeit dem Fühlen beizumessen. Was passiert mit und in deinem Körper und Geist, wenn du einen Wurf ausführen willst? Was passiert in der Ausführung selbst? Ich erwähne vollster Absicht beide Momente; „vor“ der Ausführung und „während“ der Ausführung. „Vor“ der Ausführung bestimmt „während“ der Ausführung. Wenn im Vorfeld Zweifel oder Angst bestehen, werden diese sich in der Ausführung bemerkbar machen. Der mentale Aspekt wird unterschätzt, er wird nicht trainiert und anerkannt. Denke an die Ausführung deiner Lieblingstechnik, was passiert mit dir körperlich und mental, wenn du im Begriff bist diese auszuführen? Und dann nimm eine Technik, die dir gar nicht liegt, führe sie aus und beobachte dein Zustand kurz vor der Ausführung. Wo waren deine Gedanken während der Ausführung? Wie waren deine Gedanken? Wo liegt der größte Unterschied? In welcher Technik hast du mehr gespürt, mehr Feedback bekommen? Ist es vielleicht möglich, dass in der unbeliebten Technik nur das Gefühl dafür fehlt? Wodurch entsteht das Gefühl?

Wie würdest du das Gefühl in deiner Lieblingstechnik vermitteln? Würdest du anfangen den Wurf in eine Kategorie zu packen, die einzelnen Phasen hervorheben oder physikalische Gesetze zur Hilfe nehmen? Besteht der Wurf für dich in dem Moment überhaupt noch in einer Kategorie, Phase oder aus physikalischen Kräften und Vektoren? Oder ist es nur noch eine Aktion, ein einziges Gefühl, das dich leitet? Jeder kennt das Gefühl als Uke, wenn Tori einen perfekten Wurf durchführt und du als Uke überhaupt nicht merkst, was da kommt. Das erste was du bemerkst ist auf dem Boden zu liegen, und wie du da hingekommen bist ist dir überhaupt nicht bewusst. Bestenfalls konntest du in der Flugphase noch denken:“ *WOW* was war das?“. Genauso kennen wir das Gefühl, wenn Tori nur Kraft einsetzt und entgegen jedem physikalischen Gesetz und jedem Gefühl einen Wurf auf Biegen und Brechen durchzieht. Was ist für beide angenehmer und was entspricht der Idee des  „Judo“?

Für mich, in der Zusammenfassung, ist es wichtig die Definitionen, Kategorisierungen und Phasen zu kennen und zu verstehen. Das was den Wurf jedoch für mich ausmacht ist das Gefühl, körperlich wie auch mental. Es ist nur Eins – eine flüssige Bewegung. Jeder kann diese harmonische Bewegung erkennen und spüren, nicht nur in einem Judowurf sondern überall, ganz gleich ob im Tanzen, Basketball, Architektur, der Kalligraphie, der Kunst oder der Natur.

Was ist, wenn dieses Gefühl eine Qualität und ein Ergebnis von Meisterschaft ist? Ein Gefühl, das du als eine Art Richtungsweiser nehmen kannst? Eine Gefühl von im Fluß zu sein, ohne Widerstand, die Dinge laufen wie von selbst… dazu ist es jedoch nötig dieses Gefühl wahrzunehmen und darauf zu hören, deine Handlung danach auszurichten. Vielleicht ergibt sich die Technik und die Handlung daraus von selbst… in jedem Bereich.

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